Adel verpflichtet

Josef Steiner

Herkunft und Tradition bergen Schätze. Sie für andere mutig und kreativ fruchtbar zu machen ist die Herausforderung. Was ist meine Lebensaufgabe? Wozu bin ich geboren?

Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.

Joh 18,37

Von Rabbi Ahron aus Karlin, dem Schöpfer vieler chassidischer Lieder und Hymnen, einem Meister der Musik und der Gefühle, hat Martin Buber in seinen „Erzählungen der Chassidim“ folgende schöne Szene festgehalten: Als der Rabbi einmal im Bethaus von Mesritsch das Morgengebet sprach und darin das Wort „unser Vater, unser König“ ausrief, stürzten ihm die Tränen aus den Augen, und er konnte nicht weiterreden. Nach dem Beten fragte man ihn, was ihm zugestoßen sei. Er erklärte: „In jenem Augenblick kam mir in den Sinn, wie Rabbi Jochanan ben Sakkai – ein führender Lehrer aus dem ersten Jahrhundert, der sich einer Sage nach in einem Sarg aus dem belagerten Jerusalem tragen ließ, um vom römischen Feldherrn Vespasian die Erlaubnis zu bekommen, nach dem Fall der Stadt eine Schule zu errichten –  zu Vespasian spricht: ,Friede mit dir, o König, Friede mit dir, o König‘, und der Römer ihn dann anfährt: ,Zwiefach bist du des Todes schuldig. Zum ersten, ich bin der König nicht, und du nennst mich so. Zum zweiten aber, gesetzt, ich sei der König, warum bist du bislang nicht zu mir gekommen?´ Noch ist Gott nicht wahrhaft König über die Welt, und ich bin mit Schuld daran; denn warum habe ich noch immer nicht die Umkehr getan, warum bin ich noch nicht zu ihm gekommen?“

Jesu Selbstbewusstsein ist ungebrochen, auch vor dem römischen Richter Pilatus. Es gründet in seiner Herkunft. Jesus hat das Glück gehabt, dass seine Mutter Maria, ihre Familie und Verwandtschaft ganz im Buch ihres Volkes, in der Bibel beheimatet und von deren Geist bestimmt waren. In ihrem Licht sahen und deuteten sie auch seine Geburt. Und zwar derart, dass die katholische Dogmatik später einmal formulieren wird: „Sie empfing vom Heiligen Geiste.“ Was nichts anderes bedeutet, als dass Jesus im Geiste der Bibel erwartet, erzogen und ausgebildet wurde. Diese Rückbindung an die Bibel ist dann für Jesu Berufswahl entscheidend. Er kann die Worte bei einem Taufgottesdienst am Jordan „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“ auf sich und seine Lebensaufgabe beziehen. Er darf sich als Sohn, als Königssohn verstehen, gerufen, das Regierungsprogramm dieses Königs im Himmel, der nur „himmlische“ Truppen hat – seine Worte und Weisungen – nicht nur in seinem Volk, sondern auch in der römischen und griechischen Welt umzusetzen.  Menschen aus allen Völkern auf den Weg der Bibel mitzunehmen, der in Wahrheit zu einem guten und verantwortungsvollen Leben führt. Also nicht nur ein König der Juden zu sein, sondern einer für die gesamte Welt. „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Eine klare Aufgabe, ein großes Ziel. Ein eigenartiger König, ein eigenartiges Programm.