Abschied vom Paradies – in das Erwachsenwerden geschickt

Josef Steiner

Scheidung und Trennung sind schmerzhaft, aber sie zwingen zum Lernen und eröffnen neue Lebensräume

Er vertrieb den Menschen und ließ östlich von Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.
Gen 3,24

Mit dem Bild des Paradieses beschreibt die Bibel das Werden des Menschen im Stadium der Kindheit. Beschenkt mit den Gaben der Natur, mit Wärme und Licht der Sonne, ernährt von den Früchten der Sträucher und Bäume, lebt er getragen und geborgen ohne Sorgen. Zuwendung und Liebe Gottes lassen den Menschen wachsen und zu einer Persönlichkeit heranreifen. Aber er kann nicht immer Kind bleiben. Es kommt die Zeit, in der es gilt, den Schritt vom Beschenkt- und Geliebtsein hinein in die Welt des Erwachsenwerdens zu tun. Konkret: Nicht mehr nur zu fragen: „Wer liebt mich?“, sondern auch: „Wen liebe ich?“ Neben dem Empfangen und Nehmen auch das Geben und Teilen zu lernen, selbstbewusst Verantwortung zu übernehmen und das Leben selbständig zu gestalten.

Die Bibel fasst diesen Prozess in das Bild der Vertreibung aus dem Paradies. Ein missverständlich übersetztes Wort, als ob es sich dabei um eine Bestrafung handeln und der Mensch mit Schimpf und Schande aus dem Paradies hinausgeworfen würde. Es geht bei diesem Wort eher um ein Treiben, Antreiben, Drängen, Ermutigen. (Der jüdische Exeget Benno Jacob übersetzt es mit „ER hieß den Menschen von dannen gehen“.) Besonders schön hat diesen Aspekt der englische Dichter John Milton in seinem wunderbaren Poem „Paradise Lost“ herausgearbeitet. Vor dem Abschied aus dem Paradies führt der Engel Michael den Menschen auf einen hohen Berg und lässt ihn dort in die Zukunft der Menschheit schauen. Der Blick liest sich wie ein Kurzabriss der biblischen Geschichten. Der Engel Michael zeigt ihm, wie neben all dem Furchtbaren, Bösen, Sündhaften und Zerstörendem immer wieder leuchtende Gestalten Licht in die Dunkelheit der Welt bringen. Dabei reicht der Bogen von der gerechten Familie des Noach über die in die Freiheit führende Familie Mose bis hin zu dem am Kreuz für die Völker sterbenden Erlöser. Motiviert durch einen solchen Blick in die Zukunft, fallen dem Menschen der schmerzhafte Abschied und die Trennung leichter. So lässt Milton sein gewaltiges poetisches Werk mit den Worten enden: „Sie fühlten langsam Tränen niederperlen, jedoch sie trockneten die Wangen bald; vor ihnen lag die große weite Welt, wo sie den Ruheplatz sich wählen konnten, die Vorsehung des Herrn als Führerin. Sie wanderten mit langsam zagem Schritt und Hand in Hand aus Eden ihres Weges.“

Und noch ein Zweites betont die Bibel bei diesem biographisch so entscheidenden Wandlungsprozess: das absolute Verbot der Rückkehr in den paradiesisch kindlichen Zustand. Drastisch ausgedrückt in den leuchtenden Gestalten mit Flammenschwertern in der Hand, die einen solchen Weg verbieten. Es gibt kein Zurück in den Mutterschoß, keine Regression infantiler Art. Wer keine Verantwortung für sich und sein Leben übernimmt, wer bei Schwierigkeiten und Herausforderungen immer die Schuld bei anderen sucht, wird nie erwachsen. Eine bleibende Lebensaufgabe.