Abschied. Trennung. Verlust

Josef Steiner

Abschied. Trennung. Verlust

Tränen der Wahrheit helfen. Sie reinigen, klären und eröffnen Neues.

 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.

Joh 20,11

Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine schöne Szene zwischen Rabbi Pinchas aus Korez und Rabbi Löb festgehalten. Beide waren sie Schüler des Begründers des Chassidismus, wählten aber unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Rabbi Löb – er bekam den Titel „Der wandernde Gerechte“ – war immer unterwegs in der weiten Welt, von Russland bis Ungarn; seine Wirkungsorte waren Marktplätze, Gasthäuser, öffentliche Versammlungen. Ausgestattet mit einem guten Blick für die Menschen, fand er für alle die rechten Worte, warnende, zur Umkehr rufende für Gefährdete, herausfordernde für Starke. Rabbi Pinchas dagegen blieb stets am selben Ort, überzeugt davon, an dem ihm vom Schöpfer zugewiesenen Platz treu seine Aufgaben zu erfüllen. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensbereiche besuchte Rabbi Löb ab und zu im Jahr seinen Freund und Kollegen. „ Einmal“, so die von Martin Buber festgehaltene Szene, „kam Rabbi Löb über den Versöhnungstag in die Stadt. Nach dem Festausgang ging er zu Rabbi Pinchas, um mit ihm die Wünsche für das kommende Jahr auszutauschen. Die Tür wurde verschlossen, und die beiden sprachen eine Weile miteinander. Als Rabbi Pinchas herauskam, waren ihm die Wangen nass, und noch immer strömten die Tränen. Die Schüler hörten ihn sagen, während er Rabbi Löb hinausgeleitete: ,Was kann ich tun, da es euer Wille ist, vorauszugehen!‘ In jenem Jahr starb Rabbi Löb ums Winterende und Rabbi Pinchas ums Sommerende.“ Tränen zum Abschied.

Maria aus Magdala hat viel geweint. Von Kind an erschwerten ihr sieben negative Prägungen, Charakterzüge, soziale Bedingungen – die Bibel nennt sie dämonische Kräfte – das Leben. Sie machten sie krank, unsympathisch, beziehungsunfähig. Sie wurde zur Außenseiterin, abgelehnt, ausgelacht, missbraucht, ausgenützt. Tränen der Einsamkeit, des Zornes und der Wut, der Ungerechtigkeit und der Armut wurden ihr tägliches Brot und überschwemmten in der Nacht ihr Lager. Rettung und Heilung brachten die Begegnung mit Jesus aus Nazareth und die Liebe und Nähe zu ihm. Mit ihm lernte Maria aus Magdala andere Tränen kennen. Tränen, die Jesus gemeinsam mit Marta und Maria und der gesamten Trauergemeinde vergoss angesichts des Sterbens seines Freundes Lazarus. Tränen, die Jesus vergoss im Blick vom Ölberg auf seine geliebte und gefährdete Stadt Jerusalem. Tränen der Witwe von Nain und des Synagogenvorstehers Jairus, die wegen verstorbener Kinder flossen und die ihren Freund und Geliebten zum Handeln zwangen. Tränen der Freundschaft, der Liebe, der Nähe. Sie wurden die Kraft, die Maria aus Magdala nun den Verlust Jesu tragen helfen. Auf seinem Kreuzweg noch eingebettet und mitgetragen vom Tränenstrom vieler trauernder Frauen, ist sie jetzt an seinem Grab allein. Allein mit ihrem Verlust, ihrem Schmerz, ihrer Trauer. „Um den Toten lass Tränen fließen, trauere und stimme das Klagelied an.“ Maria aus Magdala befolgt diesen biblischen Rat. Tränen der Wahrheit helfen. Sie reinigen, klären und eröffnen Neues.