Befreiende Erkenntnis

Josef Steiner

Etwas Neues zu verstehen, einzusehen, ist ein Abenteuer. Was habe ich nach langem Suchen begriffen? Wo war mir ein Aha-Erlebnis geschenkt?

Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
Joh 17,25

Zu Rabbi Nachum von Tschernobil, so erzählt Martin Buber in seinen Chassidischen Geschichten, kam ein Mann aus Litauen und klagte, ihm fehle das Geld, um seine Tochter zu verheiraten. Der Rabbi hatte gerade fünfzig Gulden zu anderem Zweck bereitgelegt. Er gab sie dem Armen und seinen Seidenrock dazu, damit jener auf der Hochzeit würdig auftreten könne. Der Litauer nahm beides, ging stracks in die Branntweinschänke und begann zu trinken. Nach Stunden kamen Schüler des Rabbi herein und fanden ihn schwer berauscht auf der Bank liegen. Sie nahmen ihm den Rest des Geldes und den Seidenrock ab, brachten das Rabbi Nachum und erzählten ihm, wie schmählich sein Vertrauen missbraucht worden sei. Zürnend aber rief dieser: „Ich fasse Gottes Eigenschaft beim Zipfel, ‚des Guten, der guttut den Bösen und den Guten`, und ihr wollt sie mir aus den Händen reißen! Tragt sogleich alles zurück!“

Es war Jesu Anliegen, dass die Welt, die Völker seiner Zeit – Römer, Griechen, Phönizier, Menschen aus arabischen Kulturen – ebenfalls eine Chance bekämen, der Bibel und dem darin verdichteten Gottes- und Menschenbild zu begegnen. Dem Bild eines gerechten und barmherzigen Gottes, dem Bild des Menschen als einer Ikone dieses Gottes. Aber wie sollte die Welt, sollten die Völker sie erkennen, wenn sie davon nichts hörten? Wie sollten sie hören, wenn ihnen niemand davon erzählte? Wie sollte ihnen erzählt werden, wenn sich dafür niemand engagierte? Ihm war das Glück beschieden, dass er schon als Baby nach vierzig Tagen von seinen Eltern räumlich in die biblische Welt, in den Tempel eingeführt wurde. Dass er mit der Bibel früh lesen und schreiben lernte und so in eine Weltsicht hineinwuchs, die staunend und voll Respekt der Schöpfung und den Menschen begegnete. Dass er in ein Volk hineingeboren wurde, das Politik und Gesellschaftsleben mit den Weisungen und Richtlinien einer kleinen Bibliothek zu gestalten versuchte. War solch geschenktes Glück und bevorzugte Erwählung auf ihn und sein Volk beschränkt? Diese Frage ließ Jesus bei seinem Erwachsenwerden nicht mehr los. In einem langen Lernprozess reifte in ihm die Gewissheit, dass das seine Sendung war: der Welt die Tür zur Bibel als Lebenshilfe, als Richtschnur für ein gerechtes und friedliches Miteinander im Kleinen und im Großen aufzutun. Er begann, sich an fremde Welten heranzutasten, suchte Begegnungen mit ihnen und fand Antworten auf deren Nöte, Krankheiten und Fragen. Und was ihn am meisten freute – dankbar konnte er das am Ende seines Lebens sagen – dass er für sein Abenteuer Mitkämpferinnen und Mitkämpfer fand. Die mit ihm suchten und lernten. Die sein Anliegen nicht als verquer, identitätsschädigend oder gar dämonisch, sondern als gesund, identitätsstiftend und geisterfüllt beurteilten. „Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.“